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Meinung: Samuel Bankman-Frieds ungewöhnlicher Fall


Für den Gründer und CEO der nun insolventen Kryptowährungsbörse FTX dürfte selbst die Verbüssung einer langen Haftstrafe wegen Betrugs Teil des Verlustrisikos gewesen sein.

VIDEO: Spellcaster: The Fall of Sam Bankman-Fried
Bloomberg Podcasts

Anhänger des effektiven Altruismus sind davon überzeugt, dass sie sich dafür einsetzen sollten, das Leben anderer möglichst umfassend zu verbessern. Manche gehen so weit, die bestbezahlten Jobs anzunehmen, die sie finden können, und ihren Reichtum anschliessend an geprüfte Wohltätigkeitsorganisationen spenden, die pro eingesetztem Dollar die meisten Leben retten. Einer der berühmtesten effektiven Altruisten, Sam Bankman-Fried, steht derzeit wegen Betrugs vor Gericht.

In Michael Lewis' aufschlussreichem neuen Buch «Going Infinite» wird Bankman-Fried mit Sympathie als brillante, humane, aber emotional verkrüppelte Persönlichkeit porträtiert. Obwohl es ihm an der Fähigkeit zu mangeln scheint, Empathie für seine Mitmenschen zu empfinden, gelangt er zum Schluss, sich der utilitaristischen Sichtweise der effektiven Altruisten anzuschliessen. Er hört auf, Fleisch zu essen, um das Leiden der Tiere zu minimieren, und er engagiert sich dafür, auch das menschliche Leid zu minimieren – unter anderem, indem er Bemühungen unterstützt, existenzielle Bedrohungen wie ausser Kontrolle geratene künstliche Intelligenz zu bekämpfen.

Nach seinem Physikstudium am MIT beginnt Bankman-Fried bei der Tradingfirma Jane Street zu arbeiten, wo er lernt, Vermögenswerte gleichzeitig zu kaufen und zu verkaufen, um von kleinen Preisunterschieden zu profitieren. Er erweist sich als ziemlich gut im schnellen Erkennen, Kalkulieren und Einsetzen von Arbitrage. Doch wie Lewis feststellt, und wie Bankman-Fried sicherlich auch wusste, schöpfte das Handelshaus Jane Street lediglich Gewinne aus dem Finanzsystem ab, statt irgendetwas zum Nutzen der Menschheit zu tun. Selbst wenn man das ausser Acht lässt, würden die Millionen, die Bankman-Fried letztlich dort verdienen könnte, wenig dazu beitragen, das menschliche Leid weltweit zu lindern.

Arbitrage mit Alameda

VIDEO: A Look Inside Sam Bankman-Fried’s FTX Empire Before It Collapsed
Bloomberg Quicktake

Bankman-Fried verlässt Jane Street, um eine sinnvollere Verwendung für seine Talente zu finden, und stellt bald fest, dass die Preisdiskrepanzen auf Kryptomärkten viel grösser sind, wo schlecht konzipierte Handelsplattformen und das Fehlen von Regulierung die Profis fernhalten. Also gründet er den Hedge Fund Alameda Research, mit dem er Millionen Dollar verdient, indem er die Arbitragestrategien des Handelshauses Jane Street in einem ertragreicheren Jagdrevier nachahmt.

«Bankman-Fried war durch und durch von seiner Fähigkeit überzeugt, den erwarteten Wert grosser Wagnisse zu kalkulieren.»

Bankman-Fried erkennt, dass der Kryptomarkt eine besser konzipierte Handelsplattform braucht, die von professionellen Händlern genutzt würde, und beauftragt seinen Freund Gary Wang, den Code für FTX zu schreiben. Eine Börse kann extrem profitabel sein, weil sie einen Anteil an jedem Handel erhält, ohne ein (grosses) Risiko einzugehen: Wenn sich die Preise von Vermögenswerten in die falsche Richtung bewegen, verlieren Kunden ihre Sicherheiten. FTX führte eine Innovation ein, indem sie Positionen extrem schnell schloss, um das Risiko zu minimieren, dass die Sicherheiten eines Händlers nicht ausreichen, um seinen Verlust zu decken, sodass FTX selbst diesen Verlust auf andere Händler verteilen müsste.

Eine Handelsplattform funktioniert durch das Zusammenbringen von Käufern und Verkäufern, aber sie benötigt eine kritische Masse an Händlern, um die Nachfrage auf beiden Seiten zu befriedigen. Da es bereits Dutzende von Kryptobörsen gab, musste Bankman-Fried sowohl ihre Kunden zu FTX locken als auch so viele Kryptohandelsanfänger wie möglich ins Boot holen.

Mit Kundengeldern Kundengeschäfte abgesichert

VIDEO: Sam Bankman-Fried saw his net worth fall from $16 billion to $0 in a matter of days
Yahoo Finance

Mit gewohnter Logik überwand Bankman-Fried seinen früheren Hang zum Einzelgängertum und investierte Unmengen an Zeit und Geld, um sein Vorhaben bekannt zu machen. Er verbrachte Stunden damit, FTX im Fernsehen anzupreisen, und überhäufte Prominente wie den NFL-Quarterback Tom Brady, Online-Influencer und Finanzgurus mit Geld. Er spendete zudem grosse Summen an politische Kandidaten – Demokraten und Republikaner gleichermassen –, in der Hoffnung, dass die US-Regierung davon überzeugt werden könnte, FTX eine Lizenz zu erteilen. Er erkannte, dass die breite Masse seiner Handelsplattform erst vertrauen würde, wenn sie ihre Geschäfte von glänzenden Bürotürmen in New York City aus betreibt.

Zur Unterstützung von FTX wurde Alameda als Market Maker eingesetzt, der als Kontrahent (Handelspartner) an der Börse kauft oder verkauft, wenn nicht genügend Käufer oder Verkäufer verfügbar sind. Aber natürlich brauchte Alameda Geld, um allfällige Kursverluste von Geschäften zu übernehmen und die Vermögenswerte zu halten, bis sie verkauft werden konnten. Bankman-Fried ermöglichte es Alameda, unbegrenzte Summen von FTX zu leihen und somit im Grunde die Gelder der Kunden zu nutzen, um deren eigene Geschäfte abzusichern. Die Technologie zur Risikominimierung war eine Illusion.

Dies könnte erklären, wie FTX ihren Wettbewerbsvorteil gegenüber den etablierten Handelsplattformen erlangte. Die FTX-Kunden bekamen gute Konditionen und merkten nicht, dass sie einem grossen Risiko ausgesetzt waren. Als sie schliesslich die Wahrheit erfuhren, zogen sie ihr Geld ab, und das Kartenhaus brach zusammen.

Abneigung gegen «Erwachsene»

VIDEO: The Rise & Fall of Sam Bankman-Fried
TIME

Die Regierung behauptet, dass Bankman-Fried, der Mehrheitseigner beider Unternehmen, vorsätzlich mit Kundengeldern spekuliert hat. Bankman-Fried behauptet, er habe nicht gewusst, dass Alameda FTX 8 Mrd. $ schuldete. Er behauptet auch, dass er keine betrügerischen Erklärungen abgab, als er oder FTX mehrfach beteuerten, dass die Kundengelder geschützt seien, dass Alameda keine besonderen Privilegien geniesse und dass es FTX bis zu ihrem Zusammenbruch «gutging».

Lewis scheint ihm zu glauben. Aber selbst wenn Bankman-Fried nicht die Absicht hatte, jemanden zu täuschen, definiert das US-Gesetz Betrug so, dass eine rücksichtslose Vernachlässigung der Wahrheit eingeschlossen ist. Bankman-Fried muss sich darüber im Klaren gewesen sein, dass er extravagante Risiken einging, als er sich weigerte, qualifizierte Finanz- und Rechtsexperten für die Überwachung seines Unternehmens einzustellen – Risiken, die von Lewis (der sich auch mit Finanzmärkten auskennt) gut dokumentiert sind.

Während Bankman-Frieds Abneigung gegen «Erwachsene» bei einem Teenager charmant oder zumindest erträglich sein kann, dürfte sie sich bei einem Manager eines 32 Mrd. $ schweren Unternehmens, das zu einem integralen Bestandteil eines wachsenden Finanzsektors geworden war, als kriminell erweisen. Wie Lewis zeigt, war Bankman-Fried nie sehr ehrlich oder direkt zu seinen Mitarbeitern, sodass nur wenige in der Lage waren, Probleme zu erkennen, ihn darauf aufmerksam zu machen oder zu erwarten, dass er darauf reagieren würde.

Expected Value für alles

VIDEO: Sam Bankman-Fried's stunning fall from grace
CBS Evening News

Mehr noch, es gibt Grund zur Annahme, dass Bankman-Fried die ganze Zeit wusste, was er tat. Lewis berichtet von der Angewohnheit seines Protagonisten, für alle seine Handlungen einen EV – Expected Value oder Erwartungswert – zu berechnen, auch für so triviale Dinge wie die Einhaltung des Versprechens, an einer Sitzung oder einer Vortragsveranstaltung teilzunehmen. Er wies gedanklich eine Wahrscheinlichkeit zu, mit der ein bestimmtes Treffen Einnahmen für sein Unternehmen oder möglicherweise einen Wert für die Gesellschaft generieren würde, multiplizierte sie mit diesem Wert und verglich sie anschliessend mit Alternativen.

Wäre der britische Philosoph Henry Sidgwick aus dem 19. Jahrhundert heute am Leben, könnte er diese Begebenheit als Musterbeispiel für Risiken anführen, die entstehen, wenn fehlbare Menschen utilitaristisches Denken anwenden. Bankman-Fried dürfte die Sache allerdings anders sehen, selbst heute. Das E in EV steht schliesslich für Erwartung. Die Frage ist also, ob der erwartete soziale Nutzen, wenn FTX überlebt hätte, den Zusammenbruch seines Finanzimperiums und den Schaden rechtfertigt, den er seinen Freunden, seiner Familie, seinen Angestellten, seinen Kunden und Investoren zugefügt hat.

Die Verbüssung einer langen Haftstrafe wegen Betrugs war selbst Teil des Verlustrisikos, das im Verhältnis zum potenziellen zukünftigen Lohn aus der Rettung der Menschheit vor einer künstlichen Intelligenz oder einem Asteroiden sicherlich zu vernachlässigen schien. FTX war einfach ein Wagnis. Es schien nur recht und billig, zwischen den Kosten und dem Nutzen für die Gesellschaft abzuwägen. Und wie Lewis zeigt, war Bankman-Fried durch und durch von seiner Fähigkeit überzeugt, den erwarteten Wert grosser Wagnisse zu kalkulieren.

Eric Posner ist Professor an der University of Chicago Law School. Copyright: Project Syndicate.

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Author: Maria Buck

Last Updated: 1700243162

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